Wenn man heute den nun polnischen
Bahnhof in Neumittelwalde verlässt, sieht man das Dorf Ossen schon.
Auf der rechten Seite führt die Straße ins benachbarte Klenowe. Auf der linken
Seite führt der
Weg in einem großen Bogen durch Neumittelwalde hindurch und auf der Straße nach
Oels ins von
Neumittelwalde aus gesehen noch nähere Ossen. Früher trugen die
Gutsherrschaften ihre
Grenzstreitigkeiten zwischen den Dörfern Ossen, das seine eigene Gutsherschaft
besaß, und
Klenowe, das zur Gutsherrschaft von Medzibor (früherer Name von Neumittelwalde)
gehörte, aus.
Auf der Straße nach Oels führt der Weg von Ossen nach Charlottenfeld. Von dort
aus geht es rechts ab nach Wegersdorf, das erst um 1765 mit dem Einzug von
schwäbischen Kolonisten in Neumittelwalde entstand. Das Dorf Klenowe ist
bereits im Jahr 1155 als Gelenow bekannt gewesen. Ossen hieß im Jahr 1305
Ozelawitz. Klenowe gehörte im Jahre 1905 (siehe Gemeindelexikon) zum
Stadt-/Amtsbezirk Neumittelwalde. Zu diesem Bezirk gehörten außerdem die Dörfer
Erdmannsberg, Honig, Jeschune, Kalkowski, Kenchen, Kenchenhammer, Kottowski,
Kotzine, Kraschen-Niefken, Fürstlich Niefken, Pawelau und Sielonke. Ossen und
Charlottenfeld gehörten zum Stadt-/Amtsbezirk Ossen, wozu auch die Dörfer
Ellguth-Rippin, Gaffron, Klein Ulbersdorf, Kraschen und Rippin gehörten. Schon
zum Stadt-/Amtsbezirk Bukowine gehörten die Dörfer Annenthal, Bukowine,
Königswille, Schön Steine und Wegersdorf.
Von vielen Familienforschern und Schlesienvertriebenen
des ehemaligen Kreises Groß Wartenberg und anderen Kreisen wird von einer
Abstammung der Vorfahren von den Hugenotten berichtet. Man hört auch die
Behauptung, dass das Evangelische durch die Einwanderung von Hugenotten, bzw.
Hugenottennachkommen entstanden ist. Sehr oft hört man die falsche Meinung,
dass Schlesien hauptsächlich katholisch war und nicht von der Reformation
betroffen war. Liest man aber die Geschichte Schlesiens und speziell die
Geschichte Neumittelwaldes, wird man zu einer anderen Schlussfolgerung kommen:
Schlesien wurde nach dem Dreißigjährigen Krieg rekatholisiert. Außerdem gab es
im Gebiet der Parochie Neumittelwalde, zu der die Stadt-/Amtsbezirke Bukowine, Neumittelwalde,
Ossen, Suschen und Tscheschen gehörten, mehr evangelische Glaubensanhänger,
dessen Vorfahren nicht aus dem calvinistischen Ausland kamen. Cirka 9/10-tel
Schlesiens fiel in den drei Schlesischen Kriegen in den Jahren von 1740 bis
1763 an Preußen. Zu diesem Zeitpunkt kamen viele Einwanderer des späteren
Kreises Groß Wartenberg auch in die Gegend von Neumittelwalde, das im 18.
Jahrhundert noch zum Fürstentum Oels gehörte und bis ins Jahr 1886 Medzibor
hieß. Viele Menschen kamen aus Hessen, Würtemberg und Böhmen. In Groß
Friedrichstabor im Stadt-/Amtsbezirk Bralin entstand für die böhmischen
Einwanderer eine selbständige Parochie. In den Chroniken werden zu diesem
Zeitpunkt keine Einwanderer aus Brandenburg erwähnt. Schon im 16. Jahrhundert
flüchteten calvinistische Glaubensanhänger aus den Niederlanden hauptsächlich
nach Nordwestdeutschland. Sie wurden von den Spaniern im
Spanisch-Niederländischen Krieg vertrieben. Unter dem Kurfürsten Friedrich
Wilhelm von Brandenburg-Preußen (1620-1688), der am 21.11.1640 die Nachfolge
seines Vaters Georg Wilhelm antrat, wurden schon um 1650 holländische Siedler
und Spezialisten durch finanzielle Zuschüsse und Steuervergünstigungen ins Land
Brandenburg geholt. Hugenotten (Name der französischen Calvinisten) verließen
hauptsächlich 1685 (aber auch schon um 1550) ihre Heimat und kamen in
Deutschland hauptsächlich nach Hessen Kassel und nach
Brandenburg-Preußen. Schon, als im 13. und 14. Jahrhundert die eigentliche
Entwicklung der Städte in Schlesien begann, sind Nachkommen flämischer
Einwanderer, die zuvor im 12. Jahrhundert ins thüringische Land östlich der
Saale einwanderten, weiter nach Schlesien gelangt. Die Organisation des
städtischen Lebens in der Frühzeit stützte sich auf das sogenannte
"Polnische Recht". Im 13. und 14. Jahrhundert erhielten die damals
nach westlichem Recht angelegten Städte „Flämisches“, „Magdeburgisches“ und
seine östliche Variante, das „Neumarkter Recht“, obwohl zusammenfassend
eigentlich später mehr vom "Deutschen Recht" die Rede ist. Die
polnischsprechende Landbevölkerung im Gebiet des Kreises Groß Wartenberg war
ziemlich groß, und es ist bekannt, dass viele Pastoren dazu neigten, eine
slawische Schreibweise verschiedener Namen durchzuführen. Vielleicht wurden
auch deutsche Namen ins Polnische übersetzt. Im 19. Jahrhundert wurden in
Schlesien und Posen wiederum vermehrt polnische Namen ins Deutsche übersetzt.
So wurde aus „Kogut“ z.B. „Hahn“, aus „Piękny“ wurde „Schön“ und aus „Włos“
wurde „Haar“. In den evangelischen Kirchenbüchern von Adelnau und Schildberg im
Posener Gebiet, die Nachbargemeinden von Neumittelwalde waren, findet man sehr
viele auch im Kreis Groß Wartenberg vorhandengewesener Namensträger. Die
Vorfahren waren sehr wahrscheinlich auch evangelische Einwanderer aus Schlesien,
die schon nach dem Warschauer Toleranztrakt vom 24.02.1768 die Grenze nach
Polen überschritten, bevor im Jahre 1815 die Provinz Posen entstand, die sich
aus dem im Jahre 1772 gegründeten Netzedistrikt und Restgebieten Südpreußens,
das 1793 zu Preußen kam, zusammensetzte. Schon ab 1776 gab es evangelische
Kirchenbücher in Adelnau, die deutsch geschrieben wurden, da das Evangelische
dem Deutschtum zugeordnet wurde. Schon während des Dreißigjährigen Krieges
fanden Auswanderungen evangelischer Schlesier nach Polen ins spätere Posener
Gebiet statt. Mitte des 17. Jahrhunderts vor der großen Gegenreformation in
Polen wurde das Bartschbruch südlich von Adelnau mit schlesischen Lutheranern
besiedelt, die die Dörfer Granowiec, Bogdaj, Mlynik, Garki, Bonikow, Uciechow
und Glisnica anlegten und in diesem abgelegenen Gebiet relativ ungestört ihrem
Glauben nachgehen konnten. Die evangelischen Kirchenbücher von Adelnau
beginnen in den Jahren 1776 und 1777 mit jeweils 17 Taufen.
Die erste Kirche in Neumittelwalde war schon um 1560 evangelisch und wurde
zunächst meist von der polnisch sprechenden Bevölkerung Schlesiens genutzt. Im
Jahr 1607 wurde die Herrschaft Medzibor endgültig rechtskräftig dem
protestantischen Fürstenhause Herzogtum Oels einverleibt. Die polnischen und deutschen
Gottesdienste wurden lt. Erlass einer Kirchenordnung vom 18.11.1633 getrennt
abgehalten. Der polnische Gottesdienst fand immer vor dem deutschen
Gottesdienst statt. Im Jahr 1637 erhielt Neumittelwalde unter dem Namen
Medzibor das Stadtrecht. Der Name Mittelwalde für die deutschsprachige
Bevölkerung hat sich nie richtig durchgesetzt, obwohl die Bürgerschaft des
Ortes schon vor der Stadtrechtsverleihung rein deutsch gewesen sein soll. Die
Pfarrkirche zu Medzibor wurde nach dem Westfälischen Friedensschluss im Jahr
1648 wegen seiner Zugehörigkeit zum Fürstentum Oels nicht dem katholischen Kult
zurückgegeben. Am 28.10.1725 wurde eine massivere evangelische Kirche "Zum
heiligen Kreuz" eingeweiht. Zum Gebiet der Herrschaft Medzibor gehörte auch
der spätere Stadt-/Amtsbezirk Suschen mit den Orten Friedrickenau, Mariendorf,
Neuhütte, Neurode, Suschen und Wiegly. Der Bezirk lag direkt an der Grenze zu
Posen südlich des Kreises Adelnau. Im Jahr 1818 wurde Medzibor im Kreis
Groß-Wartenberg aufgenommen, der zusätzlich zu den Gebieten der ehemaligen
Standesherrschaft Wartenberg das Gebiet Festenbergs und den Kirchenhalt
Tscheschen hinzu bekam. Der Stadt-/Amtsbezirk Tscheschen, in dem hauptsächlich
katholische Einwohner waren und der zur evangelischen Parochie von Medzibor
gehörte, umfasste die Orte Johannisdorf, Konradau, Tscheschen,
Tscheschen-Glashütte und Tscheschenhammer. Evangelische Nachbargemeinden von
Neumittelwalde waren im 19. Jahrhundert auch die Kirchen in Groß Wartenberg und
in Goschütz. Zum Stadt-/Amtsbezirk Goschütz gehörten die Orte Alt Festenberg,
Amalienthal, Bunkai, Charlottenthal, Dobrzetz, Domaslawitz, Drungawe, Goschütz,
Goschützhammer, Goschütz-Neudorf, Groß Gahle, Klein Gahle, Lassisken,
Muschlitz, Olschofke, Sakrau und Wedelsdorf. Es gab im Wartenberger Gebiet
(späterer Kreis Groß Wartenberg), das bis ins Jahr 1489 zum Herzogtum Oels
gehörte und in diesem Jahr eine selbständige freie Herrschaft wurde, neben
Bukowine, Festenberg, Goschütz, Neumittelwalde, Ossen, Suschen und Tscheschen
noch die Stadt-/Amtsbezirke Baldowitz, Bralin, Dalbersdorf, Fürstlich Neudorf,
Groß Schönwald, Klein Kosel, Langendorf, Rudelsdorf, Schleise, Schloß
Wartenberg, Schollendorf und Stradam.
Bremen, 10. Juni 2007