Dem Gerhard und Oswald ein verspätetes Weihnachtgeschenk
verfaßt und geschrieben
von der Tante Maria
Für meine Nichten und Neffen
Ein kleines Märchen von Gut und Böse
Ilse und Klein-Peterchen waren brave und liebe Geschwister. Sie machten der Mutter keinen Ärger und waren immer schön folgsam. Bei jeder Arbeit wollte Ilse der Mutter helfen. Sie konnte schon Kartoffeln schälen und lernte auch schon Strümpfe stricken. Aber mit ihrer Puppe spielte sie doch am liebsten. Peterchen war ein kleiner Knirps. Der spielte gerne mit seinen Hottepferdchen und mit seinem schwarzen Stoffhündchen.
Die beiden hatten aber noch einen größeren Bruder. Der war nicht so brav und folgsam wie seine Geschwister. Ja, der konnte nicht brav sein, weil er nicht wollte! Der böse Fritzo - das war sein Name - hatte alle losen Streiche im Sinn, die man sich nur denken konnte. Er raufte sein Schwesterchen an den Haaren und wenn es ihr weh tat und sie dann weinte, da lachte der böse Fritzo nur. Er riß dem kleinen wolligen Hündchen die Beine aus, damit Peterchen kein Spielzeug mehr hatte. Und wenn ihn die Mutter fragte: "Aber Fritzo, warum hast Du das getan? Willst Du denn nicht mal ein ordentlicher Junge werden?" Da sagte er nur: "Weil ich böse sein wollte!"
Fritzo war dann immer auch sehr böse. Wenn die Mutter einkaufen ging, schlich er sich die Speisekammer, aß die Butter und den Honig auf. Und die Wurst, die zum Abendbrot gegessen werden sollte, steckte er in seine Taschen und lief davon.
Am Tisch hatte der Fritzo nie Hunger. "Ich mag keine Suppe," sagte er nur. Das Brot warf er auf der Straße fort. Die Mutter grämte sich sehr und war traurig über ihren bösen, unartigen Buben und fragte sich: "Was soll ich nur machen, daß der Fritzo sich ändert". Ilschen und Peterchen sind doch auch brav und folgsam und wollen nur Gutes tun und etwas schönes machen, damit ich mich freuen soll. Nur der Fritzo macht mir keine Freude, darüber sterbe ich noch.
Da sagte plötzlich eine Stimme: "Nein, du gutes Mütterchen, du sollst nicht sterben. Ich will mir den bösen Fritzo einmal vornehmen!" Die Mutter erschrak. Sie sah sich um, konnte aber niemand sehen. Da sagte die Stimme wieder: "Du suchst mich aber du siehst mich nicht! Ich bin der Geist des Guten, ich will dir helfen aus dem bösen Fritz einen guten Menschen zu machen. Wenn dein unartiger Junge sich nicht sofort bessern will, muß er bestraft werden".
Der Fritzo wollte sich aber nicht bessern und zog die Katze am Schwanz, daß sie kläglich miaute, weil es ihr wehe tat. Da hörte der Fritzo plötzlich eine Stimme sagen: "Fritzo, Fritzo, was würdest du tun, wenn man dich so quälen würde? Tu's nicht mehr!"
Fritzo ließ ab von dem armen Kätzchen, da er aber niemand sah, der so zu ihm gesprochen hatte, lachte er nur und dachte: "Es hat doch gar niemand gesehen!" Doch der liebe Gott hatte es gesehen, denn er sieht alles, was Große und Kleine machen. Und der liebe Gott sandte den Geist des Guten in die Welt, damit er all die großen und kleinen Menschenkinder ermahnen soll, immer nur Gutes zu tun. Kinder, die brav sind, werden einmal gute Menschen. Wer aber die Stimme, die da zu uns spricht: "Tu' es nicht mehr!" überhört, dem wird es einmal schlecht ergehen.
Auch dem Fritzo mußte es erst einmal schlecht gehen, ehe er gut werden konnte. Er quäle weiter alle Tiere, am meisten den kleinen herrenlosen Hund, der mit seinen bittenden Augen sagte: "Nimm mich mit nach Hause und gib mir was zu essen!" Aber er warf mit Steinen nach dem armen Tierchen. Er nahm ihm sogar die Brotrinde weg, die das hungrige Hündchen endlich gefunden hatte und er trat und schlug nach ihm, wenn es in seine Nähe kam. Und das alles nur, weil der Fritzo nicht wußte, wie weh Hunger tut.
Das arme Tierchen lief winselnd mit Tränen in den Augen davon. Es fror ganz arg, denn es war bitterkalt und sein Magen war leer. Klein-Ilschen gab dem Hündchen manchmal etwas Brot und ein paar Knochen, Wenn aber der Fritzo das sah, jagte er es davon..
Eines Tage ging Ilschen mit Fritzo bis hin zum Wald spazieren. Da kam von weither das Hündchen auf sie zu. Ilschen freute sich, aber ihr Bruder bückte sich um einen Stein aufzuheben. Ilschen schrie: "Nein, nicht werfen!" Aber der Bruder warf doch. Da sagte eine tiefe Stimme: "Warum tust du das?" Der Fritzo wollte zuerst lachen, sagte aber dann nur: "Wer bist du?" Da sagte die Stimme weiter: "Ich bin der Geist des Bösen! Ich bin gekommen, dich zu strafen, weil du die Ermahnungen des Guten verlacht hast! Von nun an sollst du selber als herrenloser Hund herumlaufen, sollst immer hungrig sein und nirgends eine Heimat haben. Du sollst dann erst wieder ein Menschenkind werden, wenn du all das Böse einsiehst, das du zu Hause bei der Mutter und an den Tieren getan hast."
Kaum war dies gesagt, da stand neben dem Ilschen ein großer schwarzer Hund. Der Bruder war verschwunden. Ilschen weinte und ging nach Hause. Dort erzählte es alles der Mutter. Die Mutter klagte nicht und sagte nur: " Fritzo hat es nicht besser verdient, denn er hat nicht auf die Stimme des Guten gehört. Nun wird der Geist des Bösen ihn bestrafen, bis er gut sein will".
Der borstige Fritzo lief nicht mit Ilschen nach Hause sondern spornstreichs über die Felder hin zum Wald. Dabei scheuchte er ein Häschen auf. Dieses Häschen wollte er fangen, und er lief ihm nach bis er ganz ermattet war. Aber das Häschen konnte viel schneller laufen und der Fritzo-Hund blieb immer weiter zurück. Nun sah er, daß Hasen fangen gar nicht so einfach ist. Er legte sich unter einen Baum und schlief lauter Müdigkeit ein. Als er wieder aufwachte, spürte er einen furchtbaren Hunger und er fror, denn er hatte ja kein warmes Bett mehr.
Er dachte an seine Mutter und an seine Geschwister und wie er in der Speisekammer den Honig genascht hatte. Ach, wenn ich doch jetzt ein Stück von dem Brot hätte, das ich so oft auf der Straße weggeworfen oder die Wurst, die ich aus der Speisekammer gestohlen habe. Aber ich werde mir jetzt einen Vogel fangen müssen, eine Waldtaube, und er schielte hinüber nach dem nahen Wald. Taubenbraten, wie roch der immer so gut!
Die Waldtaube scharrte fleißig im Laub, ob sie nicht ein Käferchen oder gar ein Samenkörnchen fände und als der struppige Fritzo angeschlichen kam - rrrtsch! - da flog sie weg, ganz hoch in den äußersten Wipfel. Von dort lachte sie den Fritzo aus. Wieder war es nichts mit dem fetten Braten und der herrenlose Fritzo mußte sich auch an diesem Tag hungrig schlafen legen. Wie tat ihm der Hunger weh! Und so kalt war es! Und Schnee war auch noch gefallen!
Jetzt dachte er daran, wie er die kleinen hungrigen Vögel, denen Ilsekind das Futter ausstreute, immer wieder verjagt hatte. Nun fror und hungerte er selber! Durch sein schwarzes, haariges Hundekleid konnte man schon seine Knochen zählen. "Morgen muß ich ins Dorf gehen" dachte er, "vielleicht finde ich da etwas zu essen."
Am anderen Morgen trollte er sich in das Dorf und schlich um die Gärten und Höfe. Da gab es ein großes Knurren und Bellen und alle Hunde des Dorfes stürzten sich auf ihn, bissen ihn und jagten ihn fort bis weit in den Wald hinein. Da saß er nun in all seinem Jammer und weinte, denn er hatte nichts zu essen gefunden bis auf einen alten Knochen und den hatten ihm die Dorfhunde wieder abgejagt.
Er blickte traurig vor sich hin: So hatte er als Menschenkind immer den kleinen hungrigen Hund davongejagt! Wie gerne wollte er ihm jetzt etwas zu fressen geben, aber nun hatte er ja selber nichts. Er wollte auch nicht mehr mit Steinen nach ihm werfen. Er weinte ganz erbärmlich und wäre am liebsten wieder wie früher zu Hause bei der Mutter gewesen, aber er schämte sich und wagte sich nicht in die Nähe seines Elternhauses.
Ach, wenn ich doch gut werden könnte, gut und brav wie Ilse und Peter es waren!
I c h w i l l g u t w e r d e n ! ! !
Wenn ich schon kein gutes Menschenkind war, so will ich doch ein ordentlicher Hundesohn sein.
Mit diesem Gedanken schlief er ein. Am anderen Morgen weckte eine Stimme den struppigen Hundesohn aus dem Schlaf: "Ist es dir auch ernst damit, daß du gut werden willst Fritzo?" Da fragte der Hunde-Fritzo: "Wer bist du, der mit mir redet und wo bist du?" Die Stimme antwortete: "Ich bin das gute Gewissen und wohne in dir! Auf mich hast du aber nie gehört, trotzdem bin ich bei dir geblieben. Immer nur bist du der Stimme des Bösen gefolgt. Du hast böses getan, darum konnte es dir nicht gut gehen. So bist du auch selber schuld, wenn du nun hungern und frieren mußt. Merke dir: In eines jeden Menschen Herz wohnen zwei Stimmen, die des guten und die des bösen Gewissens.
Ich will dich heute noch auf eine harte Probe stellen und wenn es dir mit deinem Vorsatz ernst ist und du die Probe bestehst, so will ich dich von deinem elenden Hundedasein erlösen." Diese Worte gefielen dem struppigen Hunde-Fritzo, den er wär' gar gern wieder ein Menschenkind gewesen und er horchte tief in sich hinein: Die Stimme des Bösen war in ihm verstummt! Nichts regte sich in ihm als der Hunger und er sah über sein rauhes Fell, und zählte seine Knochen.
So trollte er sich jämmerlich und elend wieder ins Dorf. Zu dieser Zeit ging Klein-Ilschen bei dem Krämer Einkäufe besorgen. Auf dem Nachhauseweg kam sie am Metzgerladen vorbei und kaufte auch gleich zum Abendbrot die Wurst ein. Die legte sie obenauf in ihr Körbchen. Als sie über die Straße ging, rannte ein ganzes Rudel von Hunden bellend und sich gegenseitig beißend an ihr vorüber. Einige hielten die Nase in die Luft und schnupperten. Sie rochen die frische saftige Wurst und sprangen an Ilschen hoch. Sie hielt ihr Körbchen so hoch und fest, wie sie nur konnte. Sie fürchtete sich und weinte sehr.
Da kam ein ganz großer erbärmlich aussehender schwarzer Hund heran und knurrte und bellte die anderen Hunde an, daß sie vor Angst davonliefen. Einen, der mit aller Gewalt die Wurst haben wollte, biß er so ins Bein, daß er winselnd forthinkte!
Nun stellte Ilschen vor Angst zitternd ihr Körbchen auf die Erde. Aber kaum hatte es da gestanden, nahm der große schwarze Hund das Körbchen an Henkel ins Maul und trug es stolz davon. Da sagte eine Stimme in ihm: "Du hast großen Hunger, nimm die Wurst und laß das Körbchen stehen, so hast du zwei Tage etwas zu essen! Und eine zweite Stimme ließ sich vernehmen: "Tu's nicht! Du hast versprochen ein guter Hundesohn zu sein!"
So kam er an die Tür seines Elternhauses. Er hatte ja so großen Hunger! Ihm war so elend zu Mute! Und die Wurst roch so verlockend!. Aber er wollte hier warten bis sein Schwesterchen käme und wollte achtgeben, daß nicht die anderen Hunde die Wurst aus dem Körbchen holten. Da sagte die eine Stimme in ihm: "Das hast du brav gemacht, du hast deine Probe bestanden. Von nun an sollst du wieder ein Menschenkind werden.
Da sah der Fritzo an sich hinunter und war wieder genau so, wie damals als er noch ein unartiger Junge war. So wie er war, als er mit Ilschen fortging. Nur schmaler war er geworden vom vielen hungern in seinem elenden Hundeleben.
Als das Ilschen um die Ecke kam, sah sie ihren Bruder mit dem Körbchen vor der Tür stehen und freudig rief sie: "Fritzo, Fritzo!!!" Das hörten die Mutter und der kleine Peter und sie kamen herbei. Fritzo fiel der Mutter um den Hals und versprach ihr, er wolle nie mehr böse sein. Die Mutter freute sich, weil der Fritzo nun wieder da war und brav sein wollte. Sie hatte gerade Suppe gekocht und Klöße und Gemüse. Fritzo war froh daß er wieder Suppe essen durfte!
Zum Abendbrot gab es Wurst und Kartoffeln. Fritzo ging von jetzt an nicht mehr in die Speisekammer,. um Wurst zu stehlen. Er war nun ein wirklich gutes und braves Menschenkind geworden.
Und Du liebe Rosemarie, liebe Margret, liebes Güntherlein, lieber Oswald und Georg und ihr lieben Gerhards, wie steht es mit Euch allen?
Habt ihr schon die zwei Stimmen in Euch vernommen, von denen eine sagt: "Tu's!" Und die andere sagt: "Tu's nicht!"
Prüft Euch, welche die rechte ist!
++++++++
Lieber kleiner Junge und liebes kleines Mädel
Es gab zu allen Zeiten gute und böse Menschen.
Die guten sind unserem Herrgott lieber als die Bösen
und sie haben es schon auf dieser Welt viel, viel besser.
Gut und Böse wohnen ganz nahe beisammen,
aber sie gehen beide ihre eigenen Wege.
Es liegt an den Menschen selber und besonders schon
an den Kindern, den besten Weg davon zu wählen.
Ein plötzlicher Gedanke sagt Dir:
"Gib dem armen Hund etwas von Deinem Brot."
Und ein zweiter Gedanke sagt Dir:
"Wirf ihm einen Stein nach!"
Tut Ihr nun beides, meine lieben Kinder?
Gebt Euch bitte recht viel viele Mühe, das Gute
Vom Bösen unterscheiden zu lernen.
Sucht überall das Gute und meidet das Böse.
Gut sein, heißt treu und wahr sein!
Anmerkung von Arthur Reeg: Dieses Märchen wurde von Maria Wolf, geb. Schwinn verfaßt und dürfte aus den Jahren 1943 oder 1944 stammen. Das ergibt sich in etwa aus dem Alter der angesprochenen (damaligen) Kinder. Ich habe es im Januar 2002 von Elfriede Schwinn, geb Scior, der Ehefrau des am 31.12.2001 verstorbenen Gerhard Schwinn erhalten und es für wert befunden, hier veröffentlicht zu werden.